Cyril Arnaud

Axio

Wertephilosophie

φ

Nachdem er die Welt betrachtet hat, fällt der Nihilist dieses vernichtende Urteil: „Nichts hat Wert."

Weder das Glück noch die bloße Existenz des Menschen – und alles andere ebenso wenig: Es könnte alles verschwinden, und niemand würde es bereuen!

Was soll man ihm entgegnen? Kann man ihm zeigen, dass zumindest irgendetwas einen Wert besitzt?

Das ist schwierig, denn niemand ist sich einig: Für den einen hat die Ordnung Wert, für den anderen das Chaos. Der eine liebt das Reisen, der andere zieht das Lesen vor. Manche rufen: „Es lebe die Gleichheit !", andere: „Es lebe die Freiheit!" Der eine liebt die Natur, durch die er wandert, ein anderer zerstört sie.

Kein Konsens also, kein gemeinsamer Boden im Reich der Werte.

Manche messen sogar der Gewalt einen Wert bei und lieben es, Schaden anzurichten und Leiden zu verursachen: Auch das Böse ist ein Gegenstand der Liebe!

Was hat wirklich Wert? Was soll man dem Nihilisten antworten?

Hier erhebt sich das dunkelste aller Probleme: das Problem der Werte.

Wie lässt es sich lösen? Wie lässt sich herausfinden, was wirklich Wert hat? Welcher Methode soll man folgen?

Vielleicht, indem wir uns einer vorgelagerten, noch grundlegenderen Frage zuwenden:

Was ist ein Wert?

Schlagen wir ein Buch über Werte auf. Dort findet sich womöglich so etwas wie: „Sprechen wir über Werte: das Schöne, das Wahre, das Gute…"

Ein solcher Ansatz verfehlt die Radikalität des Problems, denn der Nihilist bestreitet gerade, dass das Schöne, das Wahre und das Gute irgendeinen Wert besitzen – dass sie also überhaupt Werte sind.

Man kann sich daher nicht auf diese Beispiele stützen, um eine echte Reflexion über Werte zu entfalten. Von vornherein setzt man voraus, was erst bewiesen werden soll – dieser Ansatz ist unweigerlich dogmatisch.

Damit stehen wir vor einem Problem: Wie lässt sich über Werte nachdenken, ohne sich auf irgendeinen bereits anerkannten Wert stützen zu können?

Doch genau diese Herausforderung wirft uns der Nihilist vor die Füße.

In solchen Büchern ist auch von verschiedenen Arten von Werten die Rede: wirtschaftlichen, moralischen, ästhetischen, religiösen Werten…

Doch was ich suche, ist der Wert der Moral, der Religion, der Kunst und dergleichen.

Und der Wert der Moral ist selbst kein moralischer Wert, ebenso wenig wie der Wert der Kunst ein ästhetischer Wert ist.

Ebenso wenig hat Mut einen mutigen Wert oder Angst einen ängstlichen.

Die Vielfalt der Dinge, die Wert haben, zieht keine Vielfalt der Werte nach sich. Der Begriff des Wertes hat daher nur im Singular einen Sinn.

Gesucht werden muss jener eine, einzigartige Wert, den all diese Dinge möglicherweise gemeinsam haben.

Mit „Wert" sind auch nicht die Eigenschaften gemeint, die man einem Objekt oder einer Person zuschreibt.

„Er ist nett", „dieser Hammer ist robust", „dieses Pferd ist schnell".

Durch solche Urteile ist die Frage nach dem Wert keinen Schritt vorangekommen. Die eigentliche Untersuchung muss klären, ob diese Eigenschaften – Nettigkeit, Robustheit, Schnelligkeit – überhaupt Wert haben.

Der Wert bewegt sich also auf einer anderen, den Eigenschaften übergeordneten Ebene – einer „metaqualitativen" Ebene.

Ebenso ist der Wert weder das Gute noch das Ziel.

Unter den Titeln des höchsten Gutes, des summum bonum oder des letzten Ziels hat die philosophische Tradition nach dem gesucht, was den größten Wert besitzt.

Dabei wird jedoch übersehen, dass der höchste Wert für uns nicht notwendig etwas Gutes sein muss – er könnte sogar eine Gefahr bedeuten, wenn sich herausstellte, dass der höchste Wert das Böse oder das Nichts ist.

Ein mögliches, wenngleich beklagenswertes Ergebnis unserer Untersuchung! In einem solchen Fall wäre es verfehlt, ihn höchstes Gut oder letztes Ziel zu nennen.

Es ist möglich, dass der höchste Wert für uns ein Gut oder ein Ziel ist – doch nichts berechtigt uns, dies von vornherein vorauszusetzen.

Ebenso bedeutet die Suche nach dem Wert nicht die Suche nach dem Sinn – etwa dem Sinn des Lebens –, denn es könnte sein, dass gerade das Absurde Wert besitzt.

Und nur weil ich einen Sinn in meinem Leben finde – etwa durch eine Tätigkeit, die mich erfüllt –, ist damit noch keineswegs gesagt, dass der Wert meines Lebens dadurch irgendwie begründet wäre.

Ebenso gehört die Untersuchung der Werte nicht zur Moral: Was hat der Wert eines Kunstwerks oder einer Frucht mit der Moral zu tun?

Im Gegenteil: Die Moral gründet letztlich auf dieser Untersuchung. Denn wer nach dem Fundament der Moral sucht, versucht zu ermitteln, welchen Wert die Moral hat – oder ob das Gute mehr Wert hat als das Böse.

Es genügt nicht zu behaupten, dass die Moral eine Pflicht sei oder uns glücklich mache, denn jemand könnte stets antworten: „Was Wert hat, ist, unsere Pflichten zu verletzen" – oder: „Was Wert hat, ist das Verschwinden des Menschen und mit ihm seines Strebens nach Glück!"

Wir sehen es: ein Gewirr von Verwechslungen.

Die Begriffe verknoten sich, werden durcheinandergebracht, und so konnte das Problem der Werte nicht gelöst werden – vielleicht weil es niemals wirklich gestellt wurde.

Was ist also ein Wert?

Beginnen wir mit einer vorläufigen Definition:

Wert zu haben bedeutet, liebenswert zu sein

und einen hohen Platz in der Hierarchie aller Dinge einzunehmen.

Diese Definition mag sich im Laufe der Untersuchung verändern: Es ist möglich, dass ihr Ergebnis gerade in einer Neudefinition des Begriffs „Wert" besteht.

Die Frage „Was hat Wert?" verwandelt sich damit in:

Was ist liebenswert?

Und: Was nimmt einen hohen Platz in der Hierarchie ein?

Welche Methode soll diese Untersuchung leiten?

Manche Methoden sind Wege, die nirgendwohin führen. Welche?

Fragt man mich: „Woraus besteht dieser Baum?", kann ich antworten: aus Holz.

Doch fragt man mich: „Hat er Wert?", weiß ich nicht, was ich sagen soll – und auch nicht, mit welchem Werkzeug ich diese Frage beantworten könnte.

Denn weder das Fällen mit der Axt noch das Zersägen wird uns einen Wert wie durch Zauber enthüllen.

Ebenso: Führe ich alle erdenklichen Experimente an einer Lampe durch – nehme sie auseinander, setze sie einem elektrischen Strom aus und so weiter –, werde ich dadurch nicht ihren Platz in der Hierarchie bestimmen können.

Ich kann herausfinden, wie sie funktioniert, woraus sie besteht – nicht mehr.

Der Wert einer Sache lässt sich durch Erfahrung nicht entdecken.

Die Erfahrung kann uns zeigen, was eine Sache ist – ihr Wesen, ihre Funktionsweise –, aber nichts über ihren Wert.

Das ist ein Glück: Wäre es anders, könnten wir nicht wissen, dass Mord abscheulich ist, ohne ihn selbst begangen zu haben – und Moral könnte nur von Mördern gelehrt werden.

Ebenso werden wir das Problem der Werte nicht lösen, indem wir dieser oder jener Eigenschaft einer Sache nachspüren.

Der Baum ist nützlich, weil sein Holz uns wärmt: Damit hat man nur einen unbegründeten Wert – den Baum – durch einen anderen ebenso unbegründeten ersetzt – die Nützlichkeit.

Manche behaupten, das Wertvolle sei das Nutzlose. Antwortet man darauf: „Die Nützlichkeit hat Wert, weil sie den Menschen glücklich macht", verschiebt man das Problem nur. Denn dann käme die Frage: „Was ist der Wert des menschlichen Glücks?" – was der Nihilist ja bestreitet.

Die qualitative Methode führt also in einen unendlichen Regress.

Wenn wir jemanden treffen, der eine Sache liebt, können wir ihm großzügig zugestehen, dass alle erdenklichen Eigenschaften in ihr vereint sind – Schönheit, Güte, Unverzichtbarkeit, Bereicherung und so weiter.

Doch diesem verblüfften Menschen müssten wir hinzufügen: „Ja – aber warum ist sie deshalb liebenswert?"

Und was, wenn wir uns einfach auf das Offensichtliche berufen?

Ist es nicht offenkundig, dass Freude mehr Wert hat als Schmerz, dass das Gute besser ist als das Böse?

Handelt derjenige, der dies bestreitet, nicht schlicht unredlich?

In Wirklichkeit löst sich jede solche Evidenz von selbst auf, sobald man sie ausspricht.

Es scheint evident, dass das Abenteuer der Routine vorzuziehen ist – doch sieht man in der Realität Massen von Menschen, die ans andere Ende der Welt aufbrechen?

Oder dass Reichtum der Armut vorzuziehen ist – und doch gibt es Menschen, die allem Materiellen entsagen und als Einsiedler in völliger Selbstverleugnung leben.

Und manche empfinden in Museen nichts als Langeweile.

Die eine Gesellschaft verurteilt die freie Liebe, die andere befürwortet sie. Dieser Widerspruch spaltet Menschen innerhalb derselben Gesellschaft, derselben Region, derselben Stadt – ja, derselben Familie.

Und schließlich widerspricht sich der Mensch auch sich selbst: Plötzlich schreibt er etwas Wert zu, was ihn gestern noch zutiefst gelangweilt hatte.

Das ist die wesentliche Wahrheit des Relativismus: Im Bereich der Werte gibt es keine Evidenz!

Hätten wir mehr Erfolg, wenn wir einen Experten befragten?

Wenn wir den Wert des Tanzes suchen – wer könnte uns darauf antworten? Jemand, der diese Kunst nie geübt hat und unbeholfen geblieben ist? Oder ein erfahrener Tänzer?

Und den Wert eines Gemäldes: Sollten wir einen großen Meister befragen oder einen Schmierer, der nur mittelmäßige Machwerke hervorbringt?

Worin besteht überhaupt der Unterschied zwischen dem Experten und dem Neuling?

Einzig darin, dass der eine auf seinem Gebiet weit mehr Erfahrung hat als der andere.

Doch wir haben gesehen: Die Erfahrung sagt uns nichts über den Wert einer Sache – nur darüber, was sie ist, über ihr Wesen.

Der erfahrene Tänzer weiß weit mehr als wir, was Tanz ist. Er lebt ihn mit seinem Körper, weiß, wie jeder Muskel sich bewegen, jedes Gelenk sich beugen muss, um uns zu bezaubern. Durch unablässiges Üben hat er die tausend Geheimnisse des Tanzes erschlossen.

Doch selbst auf diesem Niveau der Meisterschaft bleibt ihm der Wert des Tanzes ebenso verborgen wie uns.

Und außerdem: Wenn wir das Urteil den Experten überlassen – wer könnte dann besser über Werte urteilen als ein Experte für Werte selbst?

Diese vier Methoden erweisen sich allesamt als Wege ins Leere: der Rückgriff auf Erfahrung, die Suche nach Eigenschaften, das Festhalten an Evidenzen und die Befragung von Experten.

Und bei jedem Gesprächspartner werden wir auf diese Methoden stoßen – und sie verwerfen.

Es scheint, als hätten wir uns verirrt. Doch in unserer Auseinandersetzung mit dem Relativismus zeichnet sich bereits etwas ab.

Ein wesentlicher Punkt: Jedem Werturteil steht ein gleichwertiges entgegen, da keines von ihnen begründet ist.

Deshalb gibt es ein Problem: das Problem der Werte.

Und jede Sache, wie absurd oder grausam auch immer, wird von irgendjemandem geliebt.

Ein faszinierender, verblüffender Anblick – und doch handelt es sich um uns selbst:

Es ist das Schauspiel der menschlichen Liebe – unser Schauspiel, in seinen tausend Gestalten!

Daraus folgt diese beunruhigende Konsequenz:

Wir müssen unsere eigenen Werturteile aussetzen, denn sie sind unbegründet und tragen daher keinerlei Gewicht.

Wir müssen aufhören, das zu verdammen, was uns verächtlich erscheint, und das zu preisen, was uns liebenswert dünkt.

Das erfordert einen recht ungewöhnlichen Geisteszustand: Man muss gleichsam zum Schwamm werden – der nichts liebt und nichts verachtet.

Es ist das genaue Gegenteil des Dogmatikers, der sich unmittelbar mit seinen Werturteilen identifiziert und in ihnen befangen ist.

Er lebt ganz im Vertrauen auf die Ziele, die er sich selbst gesetzt hat. Nichts hat je die Substanz seines Lebens erschüttert.

Er stimmt mit sich selbst überein und kennt keinen Zweifel.

Das Problem der Werte erscheint ihm gar nicht erst als solches. Für ihn ist es allenfalls ein theoretisches Problem – ein Zeitvertreib für müßige Geister.

Es hat keinen Sinn, einem solchen Menschen unser Vorhaben zu erläutern.

Er kann einer solchen Untersuchung nur mit Gereiztheit begegnen, da er es nicht erträgt, den Wert dessen, was er liebt, infrage gestellt zu sehen – und jede Schlussfolgerung ablehnen wird, die seiner Liebe widerspricht.

Der Dogmatiker kann zum Aktivisten werden, wenn er sein Leben in der Form des Handelns dem widmet, was er nach eigenem Gutdünken für wertvoll hält.

Durch dieses Engagement wird seine Beziehung zur Welt zu einem Zustand permanenter Empörung.

Er versucht, seine Unfähigkeit, den Wert dessen, was er liebt, zu begründen, zu verbergen, indem er energisch und unablässig gegen Werturteile protestiert, die ihm schockierend, absurd oder skandalös erscheinen.

Er wird versuchen, uns zu bewegen und von der Berechtigung seiner Sache zu überzeugen – mit allen irrationalen rhetorischen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen.

Er wird Tränen vergießen, einen anklagenden Finger erheben, seine Stimme wird vor Erregung zittern.

Doch diese Empörung, so verführerisch sie im Augenblick sein mag, kann nicht überzeugen – sie klingt hohl, denn sie enthält kein einziges Argument.

Wir aber lassen uns davon nicht länger einschüchtern.

Wie viele tragische Schlussfolgerungen unsere Suche bereithalten mag!

Was werden wir tun, wenn wir entdecken, dass nichts Wert hat – oder dass das, was Wert hat, das Böse ist?

Werden wir ein solches Ergebnis ertragen können? Werden wir den Mut haben, es anzunehmen, oder werden wir davor fliehen?

Eine tiefe Angst muss daher jeden unserer Schritte begleiten, denn was auf dem Spiel steht, ist von größter Tragweite.

Eine angsterfüllte Aussetzung unserer Werturteile – das ist die Haltung, die wir einnehmen müssen, wenn wir das Problem der Werte wirklich angehen wollen.

Nur so werden wir sicherstellen, dass unsere Untersuchung nicht von Vorurteilen geleitet wird – und dass wir unparteiisch bleiben.

Der Relativismus erleuchtet uns also, doch er ist nur ein Ausgangspunkt.

Er beendet die Suche nach den Werten nicht, sondern eröffnet sie erst: Jedem Werturteil steht bislang ein gleichwertiges gegenüber.

Dass unsere Zeit relativistisch ist, bedeutet nicht, dass der Relativismus die einzig gültige Wertdoktrin unserer Zeit wäre.

Es bedeutet vielmehr, dass heute das Durcheinander aller Werthierarchien herrscht, die sich lautstark, mit Gewalt und Getöse behaupten.

Relativismus, Fanatismus, Nationalismus, Kosmopolitismus… Unsere Welt erscheint nicht als eine Welt des Sinnverlusts, sondern als eine Welt, in der alle möglichen Sinne gleichzeitig aufbegehren.

Daraus entspringt die zeitgenössische Angst: aus dem unbewussten Gefühl, dass die Werte, an die wir glauben und die wir manchmal sogar mit Waffengewalt verteidigen, in keiner Weise begründet sind.

Dieses Fehlen jeder Grundlage betrifft alle axiologischen Doktrinen gleichermaßen: Relativismus, Subjektivismus und Nihilismus erweisen sich als nicht besser fundiert als der Objektivismus der Werte.

Die Ohnmacht des Objektivismus ist keine Bestätigung des Relativismus.

Die postmoderne Ratlosigkeit reicht so tief, dass das Urteil „Es gibt nur relative Werte" derzeit ebenso wenig begründet ist wie sein Gegenteil: „Es gibt absolute Werte".

Ebenso vermag der Nihilismus nicht zu belegen, dass „nichts Wert hat": Das Fehlen eines Beweises für den Wert des Lebens ist für sich genommen kein Beweis für seinen negativen Wert.

Vor allem tritt uns dieses Phänomen vor Augen: das Vergessen des Wertes, der mit verwandten Begriffen wie dem Guten, dem Ziel oder der Eigenschaft verwechselt wird.

Eine Frage, die verraten – und damit geschlossen – wurde, noch bevor sie in ihrer ältesten Formulierung recht gestellt war.

Und hier zeigt sich ein weiteres Zeichen: das Vergessen jener Lust, die der Wert einer Sache bereitet – der axiologischen Lust.

Die Existenz und das Wesen eines solchen Gefühls sind jedoch unverkennbar:

Wenn ich glaube, dass etwas großen Wert hat und liebenswert ist, wird mir jede Begegnung mit dieser Sache tiefe Freude bereiten.

Ein Waldspaziergang etwa, für jemanden, der die Natur liebt.

Man kann sogar vermuten, dass das sogenannte ästhetische Vergnügen, das die Schönheit einer Sache in uns auslöst, in Wirklichkeit ein axiologisches Vergnügen ist – geboren aus ihrem Wert.

Ich glaube, dass Stärke Wert hat, und so erfreue ich mich am Anblick des kantigen Kiefers oder der Wellen, die vom Sturm aufgewühlt werden.

Ich glaube, dass Freude Wert hat, und so finde ich sie mit Entzücken im Zwitschern der Vögel in diesem Garten oder im Lächeln der Mona Lisa.

In Wirklichkeit schätze ich nicht die Schönheit der Sache, sondern die Sache selbst – oder einen Teil davon.

Da wir oft nicht das ganze Objekt lieben – etwa den Löwen –, sondern nur einen seiner Aspekte – seine Kraft, seine Mähne –, glauben wir fälschlicherweise, eine ontologisch eigenständige Eigenschaft in ihm annehmen zu müssen: die Schönheit.

Unser Blick verdoppelt die Wirklichkeit unnötig – er ist, in gewissem Sinne, platonisch.

Am Ende erweist sich die Schönheit als überflüssige Verdoppelung: Es gibt kein „Schönes" – es gibt nur Sinngehalte, die wir lieben oder nicht!

Wenn zwei Ästheten über ein Kunstwerk uneins sind, dann nicht, weil der eine eine geheimnisvolle Eigenschaft – die Schönheit – wahrnähme, die dem anderen verborgen bliebe. Auch nicht, weil „das Schöne subjektiv ist".

Es liegt daran, dass ein Werk eine Vielzahl von Sinngehalten enthält: ein Thema, eine Epoche, eine Technik, Farben, eine Kunstauffassung und so weiter. Der eine schreibt einem dieser Aspekte Wert zu, der andere verneint ihn.

Mit anderen Worten: Die sogenannte ästhetische Meinungsverschiedenheit ist in Wirklichkeit eine axiologische. Und sie lässt sich lösen, wenn wir das Problem der Werte klären.

Man kann die Farbe Rot schön finden – aber ihr einen Wert zuzuschreiben, ist das nicht merkwürdig?

Das wird nur den überraschen, der nicht begriffen hat, dass der Mensch alles lieben kann – auch die Materie selbst, selbst die kalte Festigkeit von Marmor oder Granit.

Manche lieben die Materie um ihrer selbst willen, andere wegen der geistigen Qualitäten, die sie ihnen nahelegt: die Stille der Berge, den Schrecken des Gewitters.

All diese Freuden und Unlustgefühle lassen sich erklären, ohne auf den Begriff der Schönheit oder der Ästhetik zurückzugreifen.

Da ein Kunstwerk eine Vielzahl von Sinngehalten enthält, weiß man nie, welche davon der Betrachter wahrnehmen und in sein Werturteil einfließen lassen wird.

Eine unendliche Zahl von Sinngehalten kann vom Betrachter aufgegriffen und gegeneinander gestellt werden.

Dieser Kampf der Sinngehalte in unserem Geist, der die endgültige Reaktion von Freude oder Missfallen bestimmt, entzieht sich unserem Verstehen.

Wir können daher nicht im Voraus berechnen, ob uns ein Kunstwerk gefallen wird oder nicht.

Doch diese Komplexität ändert nichts an der wesentlichen Wahrheit: Es sind die Werte – nicht die Schönheit – der Sinngehalte, die bestimmen, ob Freude entsteht.

Die Kunst verliert nichts durch das Verschwinden der Ästhetik.

Das Kunstwerk zeigt sich nun als etwas, das Sinngehalte von großem Wert zu enthüllen vermag.

Museen sind Orte, an denen man Erfahrungen von Wert machen kann – manchmal geradezu bestürzende!

So tritt der Wert wieder ans Licht aus dem Vergessen, in das er versunken war.

Doch von Vergessen oder Verlust kann man nicht sprechen, wenn etwas sich niemals als Erinnerung oder Gewinn dargeboten hat.

Hier jedenfalls sind die Fallen und Tücken, die den Unvorsichtigen erwarten, der sich auf dieses waghalsige Unterfangen einlässt: die Suche nach dem Wert!

Nun sind wir an der Reihe, uns auf den Weg zu machen – tastend, im Dunkeln.

Gibt es eine andere Art, in der tiefsten Nacht voranzukommen?

Fragen wir uns also: Wo lässt sich der Wert der Dinge suchen?

Im Objekt?

Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass es vergeblich und naiv ist, den Wert in der Sache selbst zu suchen – als ob er beim Zersägen des Baumes sichtbar würde.

Und der Relativismus unserer Zeit ist wohl das Ergebnis des jahrtausendelangen Scheiterns des Wert-Objektivismus.

Vielleicht wäre es sinnvoller, den Blick nach innen zu wenden und den Wert in uns selbst zu suchen.

Und wenn der Wert nicht im Objekt läge, sondern im Subjekt, das es betrachtet? Vielleicht ist es der Mensch, der der Welt ihren Wert verleiht…

Hier ist die Theorie, die auf den Prüfstand muss:

Der Mensch schreibt den Dingen nicht bloß – als Fiktion – fälschlicherweise Wert zu, sondern er erschafft ihn tatsächlich: Der Wert wird dadurch ebenso real wie die Sache, der er zugeschrieben wird.

Der Mensch erschafft Wert, wie der Bildhauer eine Statue erschafft oder der Maler ein Gemälde.

Die Welt ist also nicht, wie der Nihilismus behauptet, leer von Werten – sie ist leer von Werten, die den Dingen von sich aus innewohnen. Doch sie ist erfüllt von Werten, die der Mensch den Dingen verleiht.

Doch wie ist ein solches Wunder überhaupt möglich?

Glaubt man wirklich, dass ein Wert aus unserem Kopf hervortritt, die Luft durchquert und sich in dem Ding verkörpert, wenn wir uns vor einen Gegenstand stellen und uns konzentrieren?

Ist diese Vorstellung von der Schenkung von Werten nicht schlicht magisches Denken?

Selbst wenn eine solche Schenkung möglich wäre, widerspräche sie dem Nihilismus nicht – sie käme ihm entgegen, indem sie zugesteht, dass die Dinge an sich keinen Wert besitzen.

Wenn es am Menschen liegt, den Dingen Wert zu verleihen, bedeutet das, dass die Welt von jedem inhärenten Wert entblößt ist – und genau das behauptet der Nihilismus.

Der einzige Weg, dem Nihilismus zu begegnen, besteht darin, ihm zu widersprechen: zu zeigen, dass die Welt in sich selbst und aus sich selbst heraus Wert besitzt.

Ist das nicht letztlich ein Zeichen beispiellosen menschlichen Hochmuts – eines absoluten Anthropozentrismus?

Wenn das Universum allen Wert entbehrt, wenn es der Mensch ist, der die Werte erschafft und sie in seiner Großmut dem Universum schenkt, wenn der Mensch die Quelle aller Werte für die Welt ist – dann wird der Mensch zum axiologischen, nicht mehr zum räumlichen Mittelpunkt des Universums.

Diese Lehre verbindet Nihilismus und Anthropozentrismus auf originelle Weise und sollte daher nicht für sich allein betrachtet werden, sondern im Rahmen unserer Prüfung des Nihilismus.

Angesichts dieser verschiedenen Sackgassen kehren wir zu unserer ursprünglichen Frage zurück: Wo lässt sich der Wert suchen?

Aus dem Bisherigen ergibt sich: weder im Subjekt noch im Objekt – entweder weil man dem Objekt keinen Wert verleihen kann oder weil er dort schlicht nicht zu finden ist.

Gibt es einen dritten Weg?

Ein Gedanke drängt sich auf: Vielleicht muss man den Wert weder im Objekt noch im Subjekt suchen, sondern in ihrer Beziehung – in jener besonderen Verbindung, die Objekt und Subjekt im Reich des Wertes zusammenführt: die Liebe.

Da wir nach dem suchen, was liebenswert ist, sollten wir nicht zunächst den Begriff der Liebe selbst klären?

Bislang hat man vergeblich versucht, die Lösung des Problems der Werte im Objekt oder im Subjekt zu finden.

Vielleicht gelingt es uns, diese Lösung endlich in ihrer Beziehung zu finden – das heißt: in der Liebe.

Wenn du wissen willst, was liebenswert ist, befrage die Liebe selbst!

Folgen wir also diesem Weg und entdecken wir, welche Landschaften er uns erschließt.

So gelangen wir, an einer Wegbiegung, zu jener uralten Frage, die die Philosophie seit ihren Anfängen begleitet:

Was ist Liebe?

Ist sie ein Gefühl, das zwischen zwei Seelen entsteht und sie miteinander verbindet?

In Wirklichkeit kann sich die Liebe auf jeden beliebigen Sinngehalt richten. So kann die Natur geliebt werden – vom Wanderer ebenso wie vom Umweltschützer. Ebenso die Musik – vom unbeholfenen Kind wie vom Virtuosen...

Und sie ist nicht nur ein Gefühl der Freude beim Gedanken an den Geliebten oder in seiner Gegenwart.

Unter diesem Gefühl der Freude verbirgt sich in Wirklichkeit etwas von ganz anderer Natur.

Die Liebe ist zugleich eine Behauptung, ein Urteil und eine These, die sich etwa so zusammenfassen lässt: „Das, was ich liebe, hat Wert."

Indem die Liebe dem Geliebten Wert zuschreibt, sagt sie etwas über etwas aus – was der klassischen Definition eines Urteils entspricht.

Sie setzt eine Wirklichkeit voraus – den Wert des geliebten Wesens oder Objekts –, was sie zu einer Art Theorie, einer These macht.

Und genau darin unterscheidet sie sich vom Begehren.

Ich kann jemanden begehren, ohne ihm Wert zuzuschreiben. Ich begehre diesen Apfelkuchen, ohne ihm einen hohen Platz in der Werthierarchie einzuräumen.

Doch wenn ich mich verliebe, messe ich dem Geliebten Wert bei.

Die Liebe zeigt sich uns nun zugleich als Gefühl und als These – oder vielmehr: als eine These, die im Herzen eines Gefühls verborgen liegt.

Es scheint, dass dieser Aspekt der Liebe bislang übersehen oder weit weniger beachtet wurde als ihr irrationaler oder gefühlsgeladener Aspekt, wie er von Psychoanalyse, Religion, Dichtung und Philosophie untersucht oder gefeiert wird.

Die Frage drängt sich auf: Werden wir etwas Aufschlussreiches entdecken, wenn wir diese verborgene Seite der Liebe erkunden?

Zunächst entdecken wir eine wesentliche Bedingung der Liebe, die sich in Gestalt eines Gesetzes zeigt – eines Gesetzes der Liebe:

Um zu lieben, muss man dem Geliebten Wert beimessen.

Wenn ich dieses Gesetz breche und sage: „Ich liebe dich, aber du hast keinen Wert", verwandelt sich meine vermeintliche Liebe in Verachtung – eine versteckte Verachtung, die das Antlitz der Liebe trägt.

Wir können den Anspruch, Liebende zu sein, nicht mehr erheben, wenn wir diese Bedingung verletzen.

Wir glauben zu lieben, wir wollen lieben – doch in Wirklichkeit verachten wir.

Darüber hinaus zeigt sich, dass in dieser geheimnisvollen verborgenen Seite der Liebe ihre Gesetze als wesentliche Bedingungen verborgen liegen.

Und diese Frage erhebt sich: Wie könnte diese Tafel der Gesetze der Liebe aussehen?

Ein zweites Gesetz lässt sich mühelos ableiten: Der Liebende muss das Geliebte verteidigen, wenn es angegriffen wird.

Angenommen, der Nihilist sagt zu einem Naturliebhaber: „Die Natur hat keinen Wert" – und dieser schweigt, anstatt dem beizustehen, was er liebt, und zu zeigen, was seinen Wert ausmacht...

Was für ein Liebender wäre er? Ein recht armseliger!

Noch ein Beispiel: Manchmal gestehen sich zwei Liebende in einem Anflug von Beredsamkeit: „Ich liebe dich ohne Grund" oder „Ich liebe dich, ohne zu wissen warum."

Das mag bewundernswert klingen, bedeutet aber in Wirklichkeit: „So sehr ich dich auch betrachte – ich sehe nicht, was deinen Wert ausmacht."

Eine Beleidigung also, im Gewand eines Kompliments. Und so begegnen wir erneut einer Verachtung, die sich als Liebe tarnt.

Wir können dieses zweite Gesetz der Liebe daher so fassen:

Um zu lieben, müssen wir zeigen können, was den Wert des Geliebten ausmacht.

Doch was haben wir eben festgestellt?

Dass das Problem der Werte ungelöst ist.

Dass jedem Werturteil ein gleichwertiges entgegensteht.

Dass die Werte keine Grundlage haben.

Und deshalb vermögen wir nicht zu zeigen, was das, was wir lieben, wertvoll macht – ebenso wenig wie den negativen Wert dessen, was wir verabscheuen.

Es scheint daher, dass unsere Lieben derzeit eher Formen verkleideter Verachtung sind – weil unsere Beziehung zu Dingen und Wesen die Gestalt annimmt: „Ich liebe dich, ohne zu wissen warum" oder „Ich liebe dich ohne Grund."

Die menschliche Möglichkeit zur Liebe bleibt also noch zu durchdenken.

Natürlich gibt es große Liebesgeschichten: Es geht hier nicht darum, das Zarte und Feinfühlige in unserem Leben zu leugnen. Große Gefühle sind wirklich. Doch Liebe ist nicht nur Gefühl.

Wir stoßen hier auf eine klassische Lehre: Die Liebe wird als Ideal begriffen, als Anspruch, dem wir uns unendlich annähern, ohne ihn je vollständig erfüllen zu können.

Was hier erneut aufgeworfen wird, ist die Möglichkeit, diese scheinbar unendliche Aufgabe tatsächlich zu vollbringen.

Damit aber wird die Liebe zu etwas, das nicht mehr selbstverständlich ist.

Solange die Liebe als bloßes Gefühl der Freude galt, war es leicht zu wissen, ob wir ein Wesen oder ein Objekt lieben.

Ich genieße es, die Natur zu betrachten und in ihr zu wandern – also liebe ich die Natur. So einfach ist das.

Räumen wir nun aber ein, dass die Liebe aufgrund ihrer Bedeutung Bedingungen in sich trägt, so stellt sich die Frage, ob wir all diese Bedingungen in unserer Beziehung zum Objekt erfüllt haben.

Ist das nicht der Fall, ist unsere Beziehung zum Objekt keine Liebe mehr, sondern etwas ganz anderes.

Es ist dann nicht mehr gewiss, dass wir das Objekt lieben – auch wenn wir es beabsichtigen.

Wir wollen das Objekt lieben, aber wir vermögen es nicht.

Die Liebe wird zum Problem.

Nun gilt es, zu unserer ursprünglichen Frage zurückzukehren:

Wie kann diese Reflexion über die Liebe das Problem der Werte erhellen?

Seit den ältesten Anfängen der Philosophie hat sich das Problem der Werte so gestellt:

Was soll geliebt werden?

Doch der Begriff des Sollens oder der Pflicht ist trügerisch:

Wo ist diese angebliche Pflicht zu finden? In den Wolken? Gründet sie in der Vernunft? In Gott? Im Einverständnis der Mehrheit?

Was soll man dem entgegnen, der sagt: „Was Wert hat, ist, seiner Pflicht, Gott, der Vernunft oder der Mehrheit zu trotzen"?

Solange man das Problem der Werte als eine Frage der Pflicht begreift – dieses berühmte Gesetz in den Wolken –, ist man dazu verurteilt, keine Antwort zu finden.

Doch hier ist eine neue Definition des Wertes, die den Begriff der Pflicht bewusst vermeidet:

Wert zu haben bedeutet, liebenswert zu sein – das heißt: de facto geliebt werden zu können.

Diese Definition bedient sich allein des Begriffs der Liebe: Der dunkle Begriff des Wertes geht vollständig im klareren Begriff der Liebe auf – und es gibt nichts darüber hinaus.

Er kann sogar ganz aufgegeben werden, und die Frage „Was hat großen Wert?" durch die Frage ersetzt werden: „Was ist liebenswert?"

Was kann geliebt werden?

Offenbar alles – und das war unser Ausgangspunkt: Jede Sache, selbst die absurdeste oder grausamste, wird von irgendjemandem geliebt.

Doch wir haben eben gesehen, dass Liebe nicht nur ein Gefühl der Freude ist und dass sie sich in verkleidete Verachtung verkehren kann, wenn eines ihrer Gesetze verletzt wird.

Wird die Liebe zum Problem, ist „Was kann geliebt werden?" eine echte Frage.

Und hier gelangen wir zum Kern unserer Antwort auf das Problem der Werte:

Eine Sache, die auch nur ein einziges Gesetz der Liebe verletzt, ist nicht liebenswert.

Warum? Weil die Verletzung dieser Gesetze uns nicht zur Liebe führt, sondern in verkleidete Verachtung.

Wenn wir einer Sache nur durch eine oder mehrere Formen verkleideter Verachtung begegnen können, ist sie verachtenswert – denn wir können ihr faktisch nur durch Verachtung nahen, und eine liebende Beziehung zu ihr ist unmöglich.

Da sie nur verachtet werden kann, kann sie nicht geliebt werden. Sie ist schlicht nicht liebenswert – weil es de facto unmöglich ist, sie zu lieben.

Den Wert einer Sache zu finden ist daher im Prinzip einfach:

Zunächst müssen alle Gesetze der Liebe bestimmt werden.

Ist diese Tafel der Gesetze aufgestellt, muss geprüft werden, ob das betrachtete Objekt eine Natur hat, die uns unweigerlich dazu bringt, in unserer Beziehung zu ihm eines dieser Gesetze zu verletzen.

Verstößt es gegen eines, hat es keinen Wert; verstößt es gegen keines, hat es Wert.

Da diese Tafel nie aufgestellt wurde, konnte das Problem der Werte nicht gelöst werden.

Wollen wir bestimmen, was essbar ist, müssen wir wissen, was „essen" bedeutet: dem Körper Nährstoffe zuführen, die sein Funktionieren ermöglichen.

Daraus wissen wir, dass nur das essbar ist, was diesem Kriterium entspricht, und ungenießbar, was dem Körper schadet.

Wir leiten also ab, was essbar ist, aus dem, was „essen" heißt.

Ebenso leiten wir ab, was liebenswert ist, aus dem, was „lieben" heißt.

Das meinte jene Formel:

„Wenn du wissen willst, was liebenswert ist, befrage die Liebe selbst."

Eine Methode wurde vorgeschlagen.

Nun müssen wir sie anwenden und auf ihre Belastbarkeit prüfen.

Wird sie dem Kontakt mit der Wirklichkeit standhalten?

Um den Rest des Buches zu lesen, können Sie es im PDF-Format herunterladen.

Buchcover

Axio: Ein Buch von Cyril Arnaud


Sofortiger Download im PDF-Format

41 Seiten

Kostenlos!

Herunterladen

Originaltext: Axio (FR)

Vom selben Autor